Archiv für November, 2010

Seitenhieb gegen den Seitenhieb

Posted in Medien with tags , , , , , , on 15. November 2010 by denknachmainz

In der ZEIT gibt es eine Rubrik namens Seitenhieb. Ihr Symbol ist die schwarze Faust im magentafarbenen Kreis. Am 11. November erschien in der ZEIT ein Seitenhieb mit dem Titel „Nichts ist sicher“ von Thomas Kerstan. Es mag natürlich sein, dass mir der literarische Anspruch der Kolumne zu hoch ist, dass mir das querdenkerische Potenzial trotz der schönen Konjunktive entgeht, dass ich, selbst Querdenker par excellence, die ersten Querdenker-Gehversuche von Möchtegernjournalisten nicht wirklich zu schätzen weiß, aber mir erscheint der Text als Zeugnis abgrundtiefer Dummheit. „Befürworter wie Gegner der Rente mit 67 haben sich verrechnet„, lautet die kühne Ausgangsthese des Beitrags. Das „Handelsblatt“ habe über eine Züricher Studie unter Industriearbeitern berichtet, derzufolge „ein früherer Rentenbeginn bei Männern deutlich das Risiko erhöht, vorzeitig zu sterben; wer länger arbeitet, lebt also auch länger.

Frührentner leben offenbar ungesund und sterben deshalb häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gegner wie Befürworter der Rente mit 67 haben sich wohl verrechnet.“ Der kausale Zusammenhang, den Kerstan zwischen dem frühen Renteneintritt und dem früheren Ableben konstruiert (oder zumindest den Züricher „Experten“ nachplappert), scheint mir tatsächlich ernst gemeint zu sein, worauf zumindest dieses „wohl“ hindeutet.

Aber Kerstan reicht es nicht, den Mist zu verbreiten. Er will auch noch ein paar gute Ratschläge anschließen: „Alle sollten über ihren Schatten springen. Dann könnte man die Schlachtordnung einfach umdrehen: Die Retter der Rentenkassen drängten auf eine Senkung des Rentenalters, weil die Frührentner den Kassen ja nicht lange zur Last fielen. Die Gewerkschaften hingegen kämpften für die Rente mit 70, um ihren Mitgliedern den Ruhestand zu verlängern.

Dass Frührentner vielleicht mehrheitlich deswegen früher in Rente gehen, weil sie gesundheitliche Defizite geltend machen, und die daraus resultierende gesundheitliche Prädisposition zum Zeitpunkt des Renteneintritts auch ursächlich mitverantwortlich für ein früheres Ableben sein könnten, und dass umgekehrt derjenige seine umfangreiche Gesamtlebenserwartung dem vitalen Gesundheitszustand verdankt, mit dem er schon die Altersgrenze mühelos erreichte, scheint Kerstan nicht aufzugehen. Typischer Anfängerfehler von statistischen Dilettanten: eine bloße Korrelation mit einem kausalen Zusammenhang zu verwechseln!

Kein Link, weil der Beitrag leider nicht online ist.

Advertisements