Archive for the Medien Category

Naturalisierung und Individualisierung

Posted in Hinweise, Literatur, Medien on 10. November 2015 by denknachmainz

Jens Wernicke und Torsten Bultmann haben das BdWi-Studienheft „Naturalisierung und Individualisierung. Beiträge der Wissenschaft zur Legitimation von Armut und Ausgrenzung“ herausgebracht. Leitgedanke waren sog. „Befriedungsverbrechen„, wie Franco Basaglia, ein Vertreter der italienischen Anti-Psychatrie, diese Art „Wissenschaft“ genannt und sie als „Dienstbarkeit der Intellektuellen“ angeprangert hat. In vielen Bereichen wissenschaftlicher Begleitung gesellschaftlicher Phänomene werden Entwicklungen pathologisch oder soziopathisch umgedeutet, sodass Ursachen an Individuen festgemacht und ihnen zum Teil als Schuld, zum Teil als Krankheit angelastet werden, die eigentlich Auswirkungen gesellschaftlicher (Fehl-)Entwicklungen sind. Die Rede ist etwa von Dyskalkulie, Dyslexie, Legasthenie, Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), Hoch- oder Minderbegabung bzw. Bildungsferne – zuletzt sogar die Trauer über den Tod eines nahen Menschen, die schon als Krankheit gilt, wenn sie länger als 14 Tage währt. Was aber pathologische Ursachen habe, so diese „Schule“, könne man durch therapeutische oder medikamentöse Ansätze wieder heilen oder, um es mit Götz Eisenberg zu sagen: „Das abgesprungene Rad wird einfach wieder an den Wagen montiert“. Im Endresultat werden die gesellschaftlichen Entwicklungen ausgeblendet und quasi negiert; niemand nimmt sich ihrer mehr an.

In diesem Sinne ist diese Veröffentlichung zugleich Ermutigung wie Provokation.

Provokation, weil die Autorinnen und Autoren viele übliche Erklärungsansätze des akademischen Mainstreams, die gesellschaftliche Verhältnisse ausblenden und soziale Problemlagen allzu oft personalisieren und also individualisieren, kritisch hinterfragen und die Thesen wagen, dass es Rechtschreibschwäche, ADHS etc. sowie soziale Differenzen erklärende genetische Unterschiede zwischen Menschengruppen gar nicht gibt, sondern solche Konstrukte vielmehr Ablenkung vom Eigentlichen sind.

Und Ermutigung, weil wir gemeinsam sehr wohl herausfinden können, was ein freudvolleres, lebenswerteres Leben ausmachen kann, das mehr auf Kooperation denn auf Konkurrenz ausgerichtet ist, mehr auf Ermutigung denn auf normierende Erziehung und mehr auf Neugier denn auf Leistungssteigerung.

Info zur Neuerscheinung hier:
jensewernicke.wordpress.com/2015/10/26/bdwi-studienheft/

Versandkostenfreie Bestellung für max. 8 Euronen hier: www.bdwi.de/verlag/bestellen/index.html.

Ergänzende Informationen zum „Befriedungsverbrechen“ mittels „Vermittlungshemnnissen“, dem Interview der NachDenkSeiten mit Manfred Bartl unter dem Titel:
Die Hartz IV-Ideologie

FAZ über Unternehmen mit Anlageproblemen und beliebte Zweitjobs

Posted in Hinweise, Medien, NachDenkSeiten on 16. Juli 2014 by denknachmainz

Auf den „Hinweisen des Tages“ der NachDenkSeiten vom 15. Juli 2014 finden sich gleich zwei Themen, Unternehmensliquidität und Zweitjobs, die unter dem Gesichtspunkt der Meinungsmache so wichtig sind, dass sie eigene Beiträge verdienten – zumal beide dasselbe Medium betreffen, nämlich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ)!

Auch Unternehmen plagen sich mit Anlageproblemen

In unschuldiger Offenheit bestätigt die FAZ die Aussagen von [Heiner] Flassbeck: dass die Großunternehmen heutzutage nicht Nettoschuldner sind (wie es richtig wäre), sondern Nettogläubiger„, kommentiert NDS-Leser J.A. den – eigentlich vom FINANCE-Magazin übernommenen – FAZ-Beitrag „Auch Unternehmen plagen sich mit Anlageproblemen“ (dessen URL einen sich alternativ anbietenden Titel „CFOs haben Anlageprobleme“ featured). „Die Situation ist völlig absurd und das Resultat einer gescheiterten Politik. Seit Kohl und Schröder wurde behauptet, dass Unternehmen höhere (Real-)Investitionen leisteten, wenn man ihnen nur einen größeren Teil des Volkseinkommens überließe. Empirisch wird hier das Gegenteil berichtet: an (Real-)Investitionen wird nicht im Traum gedacht; die Unternehmen verhalten sich wie Zockerbanken. Weil sie zu viel Geld haben und nicht einmal Anlagemöglichkeiten sehen, die höher als eine mickrige Festgeldverzinsung von 1 Prozent rentieren.“ (Hervorhebungen von mir)

Zweitjobs immer beliebter

„JK“ kann hier einen herausragenden FAZ-Leserkommentar zitieren und bewertet: „Hier stimmt der Spruch der FAZ, dass dahinter immer ein kluger Kopf steckt. Die Leser der FAZ sind offenbar weniger ideologisch vernagelt als deren (Wirtschafts)[R]edakteure“, nämlich:

„Klar, ältere Menschen bekommen immer weniger Geld und müssen ihre Rente aufbessern, werden viele jetzt mosern. Stimmt nicht ganz. Die machen das aus Spaß. Denn es sind ja Renter, die müssen also nicht mehr arbeiten.
Niedriglohnjobs immer beliebter
Klar, die Arbeitsangebote werden weniger und für Singles/Alleinerziehende ist der Verdienst ja immer noch mehr als Hartz-IV, werden etliche behaupten. Alles falsch. Die Wirtschaft brummt, Fachkräft werden überall gesucht. Schon für 2 Euro die Stunde!
Sterben immer beliebter
Klar, die Lebenserwartung sinkt wieder, vor allem bei Geringverdienern und das hängt zusammen, werden einige behaupten. Stimmt aber nicht. Die wollen nur aufhören, wenn es am schönsten ist. Und das ist ja das Alter, wie hier bewiesen wurde.
Medien immer unbeliebter
Klar, die schreiben nur aus dem Elfenbeinturm und versuchen, die politisch gewollte Massenverarmung argumentativ zu untermauern, werden viele sagen. Stimmt.“

Wie dreist hier von der „Qualitätspresse“ relativiert wird, belegt der Textausschnitt, der auch in den NDS-Hinweisen zitiert wird:

„Eine steigende Zahl von Arbeitnehmern in Deutschland geht neben ihrem Hauptberuf einem Minijob nach. In den drei Jahren von Ende 2010 bis Ende 2013 hat sie sich um mehr als 210.000 oder fast 10 Prozent auf 2,68 Millionen erhöht. Das zeigen neue Daten der Bundesagentur für Arbeit, die der F.A.Z. vorliegen. Die Zahl der Erwerbstätigen, die ausschließlich einen Minijob haben, ist dagegen seit 2010 um fast 2 Prozent auf 4,83 Millionen geschrumpft.
Nach einer beliebten Lesart belegt diese Entwicklung, dass Arbeit in Deutschland immer schlechter bezahlt sei. Immer mehr Arbeitnehmer seien auf eine Nebentätigkeit angewiesen, weil der Lohn aus ihrem Hauptberuf nicht mehr zum Leben ausreiche – so schallte es dazu in den vergangenen Jahren regelmäßig aus Gewerkschaften, Grünen und Linkspartei.
Ein genauerer Blick auf die Daten der Arbeitsagentur zeigt indes, dass mit dieser Lesart etwas nicht stimmen kann – schon gar nicht, wenn man gleichzeitig die Ansicht vertritt, dass immer mehr junge Berufseinsteiger in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt würden: Interessanterweise sind es in allererster Linie die älteren Arbeitnehmer, die sich in wachsender Zahl für einen Minijob neben ihren Hauptberuf interessieren.“

Seitenhieb gegen den Seitenhieb

Posted in Medien with tags , , , , , , on 15. November 2010 by denknachmainz

In der ZEIT gibt es eine Rubrik namens Seitenhieb. Ihr Symbol ist die schwarze Faust im magentafarbenen Kreis. Am 11. November erschien in der ZEIT ein Seitenhieb mit dem Titel „Nichts ist sicher“ von Thomas Kerstan. Es mag natürlich sein, dass mir der literarische Anspruch der Kolumne zu hoch ist, dass mir das querdenkerische Potenzial trotz der schönen Konjunktive entgeht, dass ich, selbst Querdenker par excellence, die ersten Querdenker-Gehversuche von Möchtegernjournalisten nicht wirklich zu schätzen weiß, aber mir erscheint der Text als Zeugnis abgrundtiefer Dummheit. „Befürworter wie Gegner der Rente mit 67 haben sich verrechnet„, lautet die kühne Ausgangsthese des Beitrags. Das „Handelsblatt“ habe über eine Züricher Studie unter Industriearbeitern berichtet, derzufolge „ein früherer Rentenbeginn bei Männern deutlich das Risiko erhöht, vorzeitig zu sterben; wer länger arbeitet, lebt also auch länger.

Frührentner leben offenbar ungesund und sterben deshalb häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gegner wie Befürworter der Rente mit 67 haben sich wohl verrechnet.“ Der kausale Zusammenhang, den Kerstan zwischen dem frühen Renteneintritt und dem früheren Ableben konstruiert (oder zumindest den Züricher „Experten“ nachplappert), scheint mir tatsächlich ernst gemeint zu sein, worauf zumindest dieses „wohl“ hindeutet.

Aber Kerstan reicht es nicht, den Mist zu verbreiten. Er will auch noch ein paar gute Ratschläge anschließen: „Alle sollten über ihren Schatten springen. Dann könnte man die Schlachtordnung einfach umdrehen: Die Retter der Rentenkassen drängten auf eine Senkung des Rentenalters, weil die Frührentner den Kassen ja nicht lange zur Last fielen. Die Gewerkschaften hingegen kämpften für die Rente mit 70, um ihren Mitgliedern den Ruhestand zu verlängern.

Dass Frührentner vielleicht mehrheitlich deswegen früher in Rente gehen, weil sie gesundheitliche Defizite geltend machen, und die daraus resultierende gesundheitliche Prädisposition zum Zeitpunkt des Renteneintritts auch ursächlich mitverantwortlich für ein früheres Ableben sein könnten, und dass umgekehrt derjenige seine umfangreiche Gesamtlebenserwartung dem vitalen Gesundheitszustand verdankt, mit dem er schon die Altersgrenze mühelos erreichte, scheint Kerstan nicht aufzugehen. Typischer Anfängerfehler von statistischen Dilettanten: eine bloße Korrelation mit einem kausalen Zusammenhang zu verwechseln!

Kein Link, weil der Beitrag leider nicht online ist.

Pressespiegel zum Bildungspodium

Posted in Medien on 30. Mai 2010 by denknachmainz

Was die „Allgemeine Zeitung“ zum Bildungspodium I auf dem OPEN OHR brachte, kann man kaum einen Bericht nennen! Am Samstagabend erschien online ein Artikel, in dem zwar die Podiumsteilnehmer in Form einer Aufzählung (und auch der Moderator) genannt wurden, allerdings nicht der Vertreter des Mainzer NachDenkSeiten-Gesprächskreises! Noch schlimmer wurde es aber am Dienstag, als in der ersten Printausgabe nach Pfingsten das gesamte OPEN OHR zusammenfassende Artikel erschienen, in denen selbst die zuvor online gebrachten Inhalte noch weiter eingedampft worden waren. Nur noch ein Podiumsteilnehmer schaffte den Sprung in die gedruckte Zeitung, und zu allem Überfluss wurde auch noch das Publikum instrumentalisiert! Detailkritik im Anschluss an die Artikel.

Mainz

Generation „Yeah“ beim Open Ohr an der Mainzer Zitadelle in Hochform

23.05.2010 – MAINZ

Von Maike Hessedenz

Die Generation „Yeah“ in Hochform: Live-Musik, Politikschelte, Tanzsessions, Zeltkultur und Pfingstsonne – seit Freitagabend ist die Zitadelle fest in der Hand der Open-Ohr-Generation. Mit Mono Nikitaman, Kabarett, vor allem aber inhaltsreichen Diskussionen um Bildung, Wirtschaftskrise, Sozialstaat und Szenenkult ist das 36. Festival unter dem Motto „Ja Nein Vielleicht – Hauptsache Yeah!“ in die erste Runde gestartet.

„Die Jugend redet mit“, in dieser Erkenntnis sah sich unter anderem der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) bestätigt, der beim großen „Opel-Podium“ auch Gegenwind von den jungen Gästen aushalten musste: „Es ist erwiesen, dass es billiger ist, einen Menschen im öffentlichen Dienst fest anzustellen, als einen Ein-Euro-Job zu finanzieren“, so ein Sprecher der Frankfurter Montagsdemo; ein anderer Besucher forderte die Abschaffung der Leiharbeit – und erntete aus den Reihen der Podiumsteilnehmer Zustimmung: „Leiharbeit muss abgeschafft werden“, so Alfred Klingel, Betriebsratschef bei Opel in Kaiserslautern, „oft sei dies bislang allerdings die einzige Möglichkeit, junge Leute zu beschäftigen. „Leiharbeit kann okay sein, ist aber missbraucht worden, um die Löhne in den Betrieben herabzusetzen“, stimmte auch Hering den jungen Leuten zu.

„Mehr Geld in die Hand nehmen“

Zudem plädierte er für eine „lebensphasenorientierte Arbeitszeit“ statt des festgeschriebenen Rentenalters. Gute Ausbildung und Fachkräfte forderte ebenso Dr. Thomas Schäfer (CDU), hessischer Finanzstaatssekretär, dennoch: „Wir investieren in Bildung, leben aber derzeit dramatisch über unsere Verhältnisse. Wir kommen unseren Zielen nicht so schnell nach, wie wir uns vorgenommen haben“, sagte er – und bekam auch von Hering Kontra: „Es ist ein Skandal, die Steuern für Hoteliers zu senken und zu sagen, wir haben kein Geld für Bildung“.

Um Bildung gings auch beim Bildungspodium „Nicht fürs Leben, für die Wirtschaft lernen wir“. Der Bologna-Prozess, die hohe Belastung durch die neue Studienstruktur, darüber diskutierte Journalist Karl Schlieker mit dem Mainzer Uniprofessor Dr. Franz Hamburger, Landtagsabgeordnetem Gerd Schreiner und dem Mainzer Asta-Vorsitzenden Manuel Lautenbacher. [Hervorhebung von mir!] „Der Bologna-Prozess war notwendig“, so Hamburger. Das alte Studienkonzept sei auf eine kleine Elite von etwa vier Prozent ausgelegt gewesen; trotz der Schwierigkeiten könne jeder auch aus dem Bachelor- und Masterstudiengängen „etwas Gutes“ machen. Was er noch vermisse, so Gerd Schreiner, seien versprochenen kleinen Lerngruppen, um die Inhalte schneller und kompakter zu vermitteln: „Aber um das wirklich umzusetzen, müssen wir mehr Geld in die Hand nehmen.“ [Hervorhebung von mir!]

Noch Zeltplätze frei

Diskutiert und gefeiert wird noch bis Montag – und wie es aussieht, dieses Jahr auch wieder in besonders großer Runde. Auf den Zeltplätzen herrschte bis zum Samstagnachmittag noch Anreisestimmung – einige Plätze seien noch zu haben, nachdem man seit dem Ansturm im vergangenen Jahr erneut die Kapazitäten erweitert hatte, so Monika Roth vom Mainzer Jugendamt, das das Festival Jahr für Jahr veranstaltet. Konkrete Besucherzahlen liegen derzeit noch nicht vor, die Tageskassen sind geöffnet, es gibt derzeit noch Tagestickets und Festivaltickets für alle drei Festivaltage. Es sieht so aus, so Roths Eindruck, dass die Rekordbesucherzahl vom vergangenen Jahr, als das Festivalgelände und die Zeltplätze mit etwa 10.000 Besuchern aus allen Nähten geplatzt waren, 2010 sogar nochmal übertroffen wird. Am Samstag Nachmittag waren bereits mehr Karten verkauft als 2009 zum gleichen Zeitpunkt.

Programmhighlights sind unter anderem am heutigen Samstagabend die „Ton, Steine, Scherben“-Tribute-Band „Neues Glas aus alten Scherben“, am Sonntagabend die „Antagon Theateraktion“ und am Montagnachmittag „Miss Platnum“.

Quelle: Allgemeine Zeitung Online

Anmerkungen:

Von vier Podiumsteilnehmern werden nur drei genannt, obwohl die Form einer Aufzählung gewählt wird. Am Platz kann es a) online nicht gelegen haben und war b) offenkundig auch nicht zwecks Zweitverwertung zu berücksichtigen, da ja sogar der Moderator genannt wird. Der erhellende Hinweis, dass „wir“ für die von Gerd Schreiner ausgemalten „vernünftigen Lerngruppengrößen“ mehr Geld in die Hand nehme müssen (statt uns kaputt zu sparen), kam nicht von Schreiner, wie der Artikel suggeriert, sondern wurde ihm vielmehr von Manfred Bartl vorgehalten.

Immerhin gab es einen aushgezeichneten Leserkommentar (von wem der wohl stammt):

Ein Podiumsteilnehmer fehlt!

Dass man für die von ihm geforderten „vernünftigen Lerngruppengrößen“ „mehr Geld in die Hand nehmen“ müsse, hat nicht der Landtagsabgeordnete Schreiner von sich gegeben; das wurde dem CDU-Vertreter vielmehr von dem Mann vom Nachdenkseitengesprächskreis vorgehalten! Mit seinem „Bartl’schen Bildungsideal“ („Bildung ist Verantwortung über Wissen(serwerb)“ – freilich nach Humboldt’schen Vorbild und expressis verbis von Prof. Hamburger übernommen!) konnte er sich konsequent sowohl gegen Schreiner als auch – kurioserweise – gegen Prof. Hamburger selbst durchsetzen, dessen Bildungsbegriff er obendrein geschickt aufgriff, um die sog. „frühkindliche Bildung“ als inhaltsleere Nebelkerze zu enttarnen. Prima! Der abgebrühte Kerl ließ sich auch anderweitig nicht beeindrucken: Warum muss man, wenn man mehr Studenten an die Uni holen will, Abstriche an der Ausbildung vornehmen? Einfach mehr Studienplätze einrichten! Oder: Warum sollte man die Anforderungen runterschrauben, bloß weil viele den Stoff im konkreten Beruf nicht brauchen? Schließlich ist der normale Diplom-Umfang des Studiums vor Bologna die Grundlage der vielbeachteten Flexibilität deutscher Absolventen (gewesen)! Weltklasse, wie Bartl Schreiners Ausführungen zur Präsentations- und Wettbewerbsfähigkeit des Architekten (der Schreiner ist) als Sekundärtugenden entlarvte, denen die von Schreiner massiv geforderten „Anreize“ primär gelten würden, etwa für ein in kurzer Zeit abgeschlossenes Studium, obwohl ein kurzes Studium noch lange kein Qualitätsmerkmal sei. (Zumal Prof. Hamburger es zuvor schon für „idiotisch“ befand, mit einer Leistungsprämie zu unterstellen, dass bislang nicht ausreichend Leistungsbereitschaft vorhanden wäre!) Ich habe vernommen, Bartl wolle bei der Landtagswahl im Wahlkreis 27 ausgerechnet gegen Schreiner antreten. Das wird ein heißer Kampf!

Nachrichten

Bachelor und Beuteltier-WG

25.05.2010 – MAINZ

Von Maike Hessedenz

OPEN OHR Festival in Mainz bietet wieder zahlreiche Denk- und Lach-Anstöße

Bildungsmisere und Protestkultur, Wirtschaftskrise und Multimedia, Action-Kino und Schüttelreime, WG-Komik und Nachttheater: Politikschelte, Gesellschaftskritik und unkonventionelle Unterhaltung gab´s beim Open Ohr Festival in Mainz zuhauf – und das sowohl in Direktkonfrontation mit Entscheidern aus Parlamenten und Wirtschaft, als auch in amüsanter Lästerrethorik, gesungenem Wortwitz oder hochkarätigem Theater.

Kaum einen Konsens mit ihrem Auditorium fanden die Politiker, die sich auf den Podien dem Beschuss der Gäste aussetzten: Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) und der hessische Finanzstaatssekretär Dr. Thomas Schäfer (CDU) lieferten sich mit jungen Gästen einen Schlagabtausch zu den Themen Leiharbeit und Lebensarbeitszeit. „Leiharbeit kann okay sein, ist aber missbraucht worden, um Löhne herabzusetzen“, so Hering. Den Appell, eine gute Ausbildung zu absolvieren, richteten beide an die Jugend: „Der Mangel an Fachkräften ist jetzt schon spürbar“, so Schäfer.

Das Kreuz mit den Bachelor- und Masterstudiengängen wurde im Bildungspodium unter der Leitung von Journalist Karl Schlieker erörtert: Eine Reform sei notwendig gewesen, so der Mainzer Uni-Professor Dr. Franz Hamburger, das alte Studienkonzept sei auf eine Elite von etwa vier Prozent ausgelegt gewesen. Dass es jedoch noch viel zu tun gibt, bis Bachelor und Master eine akzeptable Ausbildung bieten, dessen waren sich nicht nur die Studenten im Auditorium sicher. [Hervorhebungen von mir!]

Nur knapp einem Eklat entging die Podiumsrunde zum Thema „Protestkultur“: Nachdem Heiko Friedrich vom AK Bildungsstreik den Kommune-1-Mitgründer Rainer Langhans mit einem Zitat konfrontierte, in dem Langhans unter anderem „Wir müssen die besseren Faschisten sein“ gesagt haben soll, drohte sich die Veranstaltung aufzulösen. Langhans vermochte es zwar nicht, seine Aussage zu erklären; man kehrte aber zur Diskussion über Protestkultur zurück: Hier beeindruckte die Aktivistin Cecile Lecomte, die dazu aufrief, auf die Straße zu gehen.

Vor allem die Unarten und Laster der modernen Zivilisation hatten sich die Theaterkünstler und Kabarettisten vorgeknöpft. In einer mitreißenden, emotionalen Ein-Frau-Show erzählte Heidi Callewaert vom „PassParTu Theater“ die Geschichte des zehnjährigen Jakob, der von seinem alleinerziehenden und Alkohol trinkenden Vater widerstandslos ins Heim abgegeben wird und schließlich auf der Straße landet. Dramatische Szenen, grandios vorgetragen in überzogen schräger Puppentheater-Action-Film-Parodie brachte „Das Helmi“ mit „Leon der Profi“ auf die Bühne.

Auch bei Uta Köbernick quoll das Zelt aus allen Nähten: „Jedes Weinland hat ne Leinwand“, „Zum Fremdgehen gibt´s so viele Leute, zum Treusein haben wir uns“. Die multitalentierte Kabarettistin verzückte mit ihrem schelmischen Grinsen, ihren frechen Phrasen und ihren „Liedern zum Weglassen“.

Vergnügen bereitete die eindrucksvolle Show des Antagon-Theaters mit den „Frame-Games“ auf der großen Wiese. Und Jung-Kabarettist Marc-Uwe Kling sorgte mit seinen Geschichten aus der WG mit dem Känguru für mitternächtliche Lachattacken.

Quelle: Allgemeine Zeitung vom 25.05.2010

Anmerkungen:

Das Bildungspodium, das in Wirklichkeit nur das erste von zwei Bildungspodien war, taucht nur noch als Randnotiz auf. Einzig Prof. Hamburger wird als Podiumsteilnehmer genannt und es bleibt auch nur noch eine Aussage übrig, nämlich dass das alte Studienkonzept nur auf eine Elite von etwa vier Prozent ausgelegt gewesen ist – eine offenkundig eher periphere Äußerung. Und dass der Bachelor jemals eine „akzeptable Ausbildung“ liefern könnte, zweifelte das Publikum nach dem Bildungspodium eher an, als dass es geglaubt haben würde, dass man nur etwas tun müsse, um dies zu erreichen!

Anmerkungen zum Themenkomplex Brender und di Lorenzo

Posted in Medien, NachDenkSeiten with tags , , , , , on 24. Februar 2010 by denknachmainz

Nachdem in den NachDenkSeiten bereits zwei ausgezeichnete Artikel zu diesem Themenkomplex erschienen waren („Die Leser der ZEIT u.a. angesehener Medien werden genau so manipuliert wie die Leser der BILD-Zeitung.“ und die „Ergänzung zum Kampagnejournalismus von ZEIT und BILD – auch die öffentlich-rechtlichen Sender beteiligen sich und Redaktionen sind gespalten„), sind zwei wichtige Anmerkungen beizutragen:

  1. Wenngleich der Fall Nicolaus Brender in Bezug auf die Verquickung von Parteiinteressen mit Personaldiskussionen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten wie dem ZDF dramatisch ist, so sollte man die Person Nicolaus Brender nicht aufgrund seiner tragischen Rolle im Fall Nicolaus Brender überbewerten. Nicolaus Brender ist der Mann, dem die Bundeskanzlerin in der „Elefantenrunde“ nach der Bundestagswahl ins Gesicht sagte, dass sich die Bundesregierung „nicht noch einmal von den Banken erpressen lassen“ dürfe, dass also die Bundesregierung von den Banken erpresst worden ist! Was tat der „Journalist“ Nicolaus Brender? Er hat sich danach einem anderen Gesprächspartner zugewandt, während ich angesichts eines solchen Jahrhundertgeständnisses hyperventilierend nach Luft japste! Dass er die aggressive Kampagne des Hauptstadtstudioleiters Peter Frey gegen Oskar Lafontaine nicht unterbunden hat, schlägt durchaus in dieselbe Kerbe, auch wenn dabei natürlich der karrieristische Selbstzweck im Vordergrund steht.
  2. Die Überschrift „Die Leser der ZEIT u.a. angesehener Medien werden genau so manipuliert wie die Leser der BILD-Zeitung“ vom Montag trifft die Sachlage nicht ganz exakt: Die Leser der ZEIT werden natürlich sehr viel stärker von solchen Kampagnen wie der von di Lorenzo (noch dazu in Zusammenarbeit mit der BILD-Zeitung) manipuliert als durch die BILD-Zeitung alleine! Hier begegnen wir wieder dem Argument aus der „Reformlüge„, dass Kampagnen nur oft genug wiederholt und letztlich auch von – vermeintlich – seriösen Quellen wiedergegeben werden müssen, damit die Lüge als Wahrheit in die Geschichte eingeht. Das war vermutlich sogar der eigentliche Nachrichtenkern des Aufgreifens durch die BILD-Zeitung: „Selbst die ZEIT…“ Auch hier sollte die Person des Giovanni di Lorenzo in Augenschein genommen werden: Er hat selbst einen Migrationshintergrund, kann also ungefähr einschätzen, wem er damit was antut! – Darauf freilich ist schon der zitierte „Freitag“ und auch der Hinweis der NachDenkSeiten löblicherweise bereits eingegangen! Es scheint mir dennoch angebracht, beides – die „seriöse“ ZEIT und den Migrationshintergrund von di Lorenzo – in einem Aufwasch zu präsentieren…

Nachtrag: Auf Anfrage von Albrecht Müller im Namen eines NachDenkSeiten-Lesers, der einen Beleg des Merkel-Geständnisses wünschte, füge ich diese beiden YouTube-Videos an. Im ersten Video kann man Merkels Geständnis in Kurzform verfolgen. Das zweite Video zeigt den Zusammenhang etwas ausführlicher; allerdings fällt nach Merkel erst einmal Steinmeier der Moderation ins Wort und es endet damit. In der ZDF-mediathek findet sich tatsächlich noch immer eine komplette Ausstrahlung der Berliner Runde 2009 von insgesamt 42 Minuten! Das Zitat fällt zum Ende hin. Nach Steinmeiers Einwurf beendet allerdings Nicolaus Brender die „Elefantenrunde“; das entspricht zwar nicht meinem Gedächtnisprotokoll, ist aber freilich keinen Deut weniger schlimm! Bei der ARD habe ich kein visuelles Zeugnis dieses Geständnisses (mehr) gefunden.

Eigenhändiges Transkript: „als auch was die Frage anbelangt, wann kann eine Bank oder kann eine Bank einen Staat erpressen, was wir ja leider erlebt haben, und das wird es in Zukunft nicht mehr geben“

Transkripte aus anderen Quellen:

Video-Uploader stwiese in der Videobeschreibung und nochmals im YouTube-Channel von stwiese als „letzte Aktivität“: „Nun hat es Angela Merkel öffentlich zugegeben: Die Banken erpressen den Staat. Die Aussage wurde in der Berliner Runde, direkt nach der Bundestagswahl 2009, am 29.09.2009 getätigt. Zitat Angela Merkel: ‚Wann kann eine Bank, oder, kann eine Bank einen Staat erpressen, was wir ja leider erlebt haben‘.“

Zitat Angela Merkel: „Nun hat es Angela Merkel öffentlich zugegeben: Die Banken erpressen den Staat. Die Aussage wurde in der Berliner Runde, direkt nach der Bundestagswahl 2009, am 29.09.2009 getätigt. Zitat Angela Merkel: ‚Wann kann eine Bank, oder, kann eine Bank einen Staat erpressen, was wir ja leider erlebt haben‘.“

Information: Diese Hinweise gingen am 24. Februar 2010 ein in den NachDenkSeiten-Beitrag „Weitere Ergänzung zur Rolle der ZEIT und zu Nikolaus Brender„.

Zitat Angela Merkel: ‚Wann kann eine Bank, oder, kann eine Bank einen Staat erpressen, was wir ja leider erlebt haben.‘