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zukunft jetzt verkauft wieder unsere Zukunft

Posted in Privatvorsorge with tags , , , , on 25. November 2009 by denknachmainz

In Ausgabe 4.2009 des Magazins der Deutschen Rentenversicherung „zukunft jetzt“ wird wieder einmal unsere Zukunft verkauft. Hartmut Hüfken, Geschäftsführer der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz, meint im Editorial: „Die Riester-Rente ist ein Erfolgsmodell. Bislang sind fast 13 Millionen Verträge abgeschlossen“. Welchen Maßstab legt er an den Erfolg an? Offenbar einzig und allein die Zahl der Verträge. Aber für wen ist die Riester-Rente denn dann ein Erfolgsmodell? Nicht für die „Versicherten“, möchte man meinen, wenn man weiterliest: „Riester-Verträge sind Kapitalmarktprodukte. Je nachdem, für welche Spielart man sich entscheidet, kann man auch Überraschungen erleben. Die Krise der Kapitalmärkte hat gezeigt, dass dazu auch Wertverluste und Kursrückgänge gehören.“ Wie „sicher“ fühlt man sich wohl mit so einer „Versicherung“?

Der „Einkaufsführer für die Riester-Rente“ (S. 16) – ein Unding an sich – trägt den bezeichnenden Titel „Bestseller und Ladenhüter“. Abgesehen vom offensichtlichen Widerspruch zu Hüfken („Zwölf Millionen Riester-Verträg sind bereits abgeschlossen“) ist der Teaser bezeichnend: „Eine Riester-Rente lohnt sich vor allem für Gering- und Durchschnittsverdiener. Aber welche ist die richtige?“ Man könnte ja wieder fragen, welcher Maßstab dabei anzulegen ist, denn aus der Sicht von Gering- und Durchschnittsverdienern ist die Riester-Rente keine Altersvorsorge, sondern ein Vabanque-Spiel. Der „Artikel“ geht aber tatsächlich auf diese Frage ein: „Die Riester-Rente rechnet sich vor allem für kinderreiche Sparer, die viel Zulage erhalten, und für Besserverdienende, die den Steuervorteil nutzen“. Damit widerlegt Martin Schulz, Projektleiter Altersvorsorge der Stiftung Warentest, die Redaktion von „zukunft jetzt“!

Was ist eigentlich die Aufgabe von „zukunft jetzt“? Laut redaktionellem Konzept des Verlags „wdv Gesellschaft für Medien & Kommunikation mbH & Co. OHG“ sind 27- bis 54-jährige Versicherte die Kernzielgruppe von „zukunft jetzt“. „Kommunikationsziel ist es, diese Zielgruppe von der Zuverlässigkeit der umlagefinanzierten Rente und von der Notwendigkeit zusätzlicher kapitalgedeckter Altersvorsorge zu überzeugen.“ Wir werden also nicht über die Zuverlässigkeit der umlagefinanzierten Rente informiert, sondern müssen davon überzeugt werden. Wir werden nicht über die (unsoziale) Möglichkeit zusätzlicher kapitalgedeckter Altersvorsorge informiert, sondern von ihrer angeblichen Notwendigkeit überzeugt. Ich finde nicht, dass es zum Auftrag der Deutschen Rentenversicherung gehört, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen! Schon gar nicht, wenn es so offenkundig auf der Hand liegt, dass das Gegenteil dessen, wovon wir überzeugt werden sollen, wahr ist!!

Es gibt noch ein paar Stellen in dem „Ladenhüter“-Artikel, die aber jeder DRV-Kunde im (gedruckten!) Kundenmagazin selbst nachlesen kann. Weiter zu härterem Stoff, dem „Interview“ mit Herbert Rische, Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund, und „Finanztest“-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen unter dem wiederum vielsagenden Titel „Rente, Rendite & Roulette„, das nichts weiter als Palaver enthält! Darin heißt es etwa: „Wer sich für eine geförderte Altersvorsorge [z. B. die betriebliche Altersvorsorge] entschieden hat, hat jedenfalls kein Geld für die Rente verloren“. – Nach allem, was Martin Betzwieser & Manfred Frieling in den NachDenkSeiten über die betriebliche Altersversorgung durch Entgeltumwandlung, also über eine Reduktion des sozialversicherungspflichtigen Entgelts durch beitragsfrei umgewandelte Euros geschrieben haben, handelt es sich hier um eine faustdicke Lüge gleich in der ersten Antwort!

Wir kommen nochmal auf die Frage der Eignung der Riester-Rente für Geringverdiener zurück. Tenhagen meint, auf das Vertrauen in die Umlage-Rente angesprochen, dass „wir bei ‚Finanztest'“ immer gesagt hätten: „Die gesetzliche Rente ist sicher und sie wird auch in Zukunft keine Minirente sein. Sie wird für jemanden, der im normalen Arbeitsverhältnis steht und einigermaßen gut verdient, die Basis seiner Altersvorsorgebilden können (…). Es gibt aber zwei Probleme. Erstens: Wer als Friseur in Thüringen 4,50 Euro pro Stunde bekommt und dafür 40 Jahre lang arbeitet, bekommt eine gesetzliche Rente von 250 Euro oder ein bisschen mehr. Wenn die gesetzliche Rente die Basis der Altersvorsorge sein soll (…), muss man auch für diesen Lohn eine vernünftige Rente erhalten. Das zweite ‚Aber‘: Wie sicher ist das Umlageverfahren, wenn die Wirtschaftskrise im nächsten Jahr den Arbeitsmarkt mit voller Wucht erreicht?“ Und Rische antwortet: „Erstens: Die Rentenversicherung kann nicht alle Probleme lösen. Die Frage des Niedriglohnsektors ist zunächst eine Frage an die Tarifvertragsparteien […und antwortet damit eigentlich nichts, was aber unsere Frage nach den Geringverdienern doch irgendwie beantwortet!] Und zweitens: Auch wenn die Arbeitslosigkeit wirklich zunehmen sollte, ist man in der Rentenversicherung generell gut geschützt. Bei Bezug von Arbeitslosengeld werden weiter Beiträge in die Rentenversicherung auf Basis von 80 Prozent des vorherigen Lohnes gezahlt. [Soweit okay. Nur…] Beim Arbeitslosengeld II haben wir jedoch ein Problem, weil zu wenig eingezahlt wird.“ – Also ein ungelöstes Problem! Ein System aber, das Menschen mit gesellschaftlichen Risiken im Regen stehen lässt, nennen wir asozial!

Toll finde ich auch Tenhagens Antwort auf die Frage, ob Riester-Rentenversicherungen zu Recht so stark in der Kritik sind: „Riester-Rentenversicherungen lohnen sich sehr wohl – jedenfalls die guten Produkte. [Also lohnen sich die schlechten nicht und verpuffen somit für die Altersvorsorge!] Das Problem ist, dass die Vertreterprovisionen meist in den ersten fünf Jahren abgezogen werden. Die Konzerne könnten zwar auch einen viel längeren Zeitraum wählen, doch dann würden sie ihre Vertriebstruppe nicht zur Jagd kriegen.“ – Zur Jagd auf uns!

„zukunft jetzt“ hat keine Zukunft!

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